GENRE IS DEAD! Interview mit Hi!Spencer

Es wird Zeit der tollen Mia Morgan – zumindest in unserem Sound of the Underground – “Goodbye” zu sagen und euch einen neuen Newcomer vorzustellen: Hi!Spencer. Die fünf Indie-Punkrocker aus Osnabrück stehen kurz vor der Veröffentlichung ihres zweiten Albums Nicht Raus, Aber Weiter. Am 15. Februar, vier Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debüts, erscheint die Platte. Die ersten Singles „Nicht raus, aber weiter“ und „Wo immer du bist“ machen definitiv Lust auf mehr und wecken Vorfreude auf die neuen Songs. Wie passend, dass Hi!Spencer auch auf große Deutschland Tour gehen, die sie durch zwölf Städte führt. Wir haben mit Sven Bensmann (Gesang) und Malte Thiede (Gitarre, Gesang) von Hi!Spencer über ihre Anfänge, politische Einstellungen und das neue Album gesprochen.

Bei meiner Recherche habe ich gelesen, dass ihr euch in der Schule kennengelernt habt und während der Abizeit eine Band gegründet habt, mit der ihr am Anfang viele Ärzte-Songs gecovert habt. Wie lange hat es gedauert, bis ihr gemerkt habt, dass ihr mehr als nur eine Schulband sein wollt?

Sven: Das stimmt leider nur so halb. Wir haben an unserer ehemaligen Schule, einem sehr ländlich gelegenen Gymnasium, so eine Art Tradition, dass die Abijahrgänge immer eine Party-Band aus Mitgliedern des Jahrgangs zusammenstellen. Wir haben alle in dieser Zeit Bock drauf gehabt ein bisschen Musik zu machen und haben uns dann gefunden. Wir kannten uns aber alle teilweise schon seit der gemeinsamen Kindergartenzeit. In den zwei Jahren als Abiband haben wir uns nicht wirklich enge Grenzen gesteckt, was das Musikgenre angeht, es war auch glaube ich nur ein Die Ärzte-Song dabei, den wir damals gecovert haben. Aber alles, was so in die Indierichtung ging, hat damals auf Abipartys, zwischen Cola-Korn und Bier aus Plastikbechern am meisten Bock gemacht. Davon wollten wir mehr und das alles gerne ohne Covermusik.

Sind die Ärzte ein musikalisches Vorbild für euch? Welche Bands beeinflussen euch sonst noch?

Sven: Ich kann für mich gesprochen schon sagen, dass die Ärzte ‘ne Band sind, die eine Rolle im musikalischen Großwerden gespielt hat. Wir müssen aber für uns fünf immer wieder feststellen, dass es nicht wirklich die große gemeinsame Homebase in Sachen Musik gibt. Jeder lässt sich gerne von Musik abholen, solang sie wirklich cool und mit Herz gemacht wurde. Das ist natürlich auch ein eigener Anspruch. Das sind aber natürlich auch verdammt viele Einflüsse, die zusammen kommen. Irgendwo gibt es einen gemeinsamen Nenner. Ich glaube wir hätten alle zusammen sehr viel Spaß auf einem Leoniden Konzert.


Ich bin einfach gern zu einem kleinen Teil der Grund dafür, dass Leute ‘ne gute Zeit haben und kurz vergessen, was sie im Alltag so plagt.Sven


Ihr zwei schreibt die Texte für eure Songs. Schreibt ihr hauptsächlich über Dinge, die ihr in eurem Alltag erlebt oder woher nehmt ihr eure Inspiration?

Malte: Alles in mir und um mich herum kann mich inspirieren. Manchmal höre ich Menschen einfach zu und merke mir dann, was sie sagen. Menschen sagen in ganz normalen Unterhaltungen oft super schlaue Dinge oder erzählen dabei von wirklich interessanten Begegnungen. Das dann zusammenzubauen, kann genauso gut als Text funktionieren, wie Dinge, die man selbst erlebt.

Sven: Das ist unterschiedlich. Meist kommt das Verlangen danach, einen Songtext zu schreiben, aus zwei verschiedenen Gründen. Es kann zum Beispiel einfach nur ein interessanter Gedanke sein. Der Song “Klippen”, der auch auf dem kommenden Album zu finden ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Ich fand einfach die Idee toll, dass zwei Personen, die sich wirklich gegenseitig hassen, ausschließlich zusammen ans Ziel kommen können oder beide scheitern. Es geht aber auch sehr persönlich. Die Songs “Schalt mich ab” oder “Richtung Norden”, auch beide auf Nicht raus, aber weiter zu finden, entstammen einem wirklich sehr präsenten, sehr persönlichen Gefühl. Wenn der Text fertig ist, weiß aber oft nur noch ich selbst, woher der Text wirklich stammt.

Sven, du bist nicht nur Sänger sondern auch Comedian. Wie kamst du zur Comedy? Und inwiefern kommt dir dein Comedian-Talent bei euren Konzerten zu Gute? Was bevorzugst du? Als Comedian oder als Sänger auf der Bühne stehen?

Sven: Erstmal vorab, ich mache da wirklich keinen großen Unterschied. Ich bevorzuge beides, in dem Moment, in dem ich als Komiker unterwegs bin, möchte ich auch Komiker sein. Und wenn der Tourbus ruft, gibt es nichts schöneres als mit der Band loszufahren. Dass diese beiden Sachen von mir bedient werden, kommt auch nicht daher, dass ich das irgendwann mal für extrem sinnvoll erachtet habe, sondern weil diese beiden Sachen ziemlich genau das sind, was ich machen will. Da hat mich mein Bauchgefühl hingebracht und das hat bisher noch keine Sekunde gesagt, dass etwas Überhand nimmt. So ähnlich bin ich aber auch zur Comedy gekommen. Weil irgendwas in meinem Körper das Verlangen ausgestrahlt hat, dass ich jetzt unbedingt auf die Bühne gehen soll und witzigen Kram präsentieren soll. Das lässt sich natürlich auch auf Konzerten der Band nicht verstecken. Vor allem Malte und ich schieben uns gerne zwischen den Songs Bälle zu. Wir haben beide Spaß dran, aus unseren Konzerten und neben den recht melancholischen Texten, einfach Quatsch auf die Bühne zu bringen. Für mich ist das elementar, egal was ich tu. Ich bin einfach gern zu einem kleinen Teil der Grund dafür, dass Leute ‘ne gute Zeit haben und kurz vergessen, was sie im Alltag so plagt.

Ihr arbeitet schon seit längerer Zeit mit „Laut gegen Nazis“ zusammen. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Malte: Eigentlich ganz unspektakulär. Irgendwann klopfte Jörn, der Gründer der Organisation, bei uns an und wir kamen in Kontakt. Ganz einfach. „Laut gegen Nazis“ war uns schon lange vorher ein Begriff, daher war der Entschluss, zusammenarbeiten zu wollen, auch von unserer Seite super schnell gefasst. Die Idee, eine Unterschriftenaktion mit unserem alten Tourbanner zu organisieren, kam dann kurze Zeit später. Wir stellen jetzt seit gut einem Jahr Projekte mit „Laut gegen Nazis“ auf die Beine. Bei der letzten sind rund 800€ Spenden reingekommen – Ein guter Start für eine Menge mehr.

'Laut gegen Nazis' ist...
…eine Initiative, die sich zur Aufgabe gemacht hat, “einen Zusammenschluss der Zivilgesellschaft und eine starke Öffentlichkeit gegen den wachsenden Rechtsextremismus zu erwirken“. Dafür veranstaltet die Initiative Musikveranstaltungen, Workshops und Kampagnen u.a. mit Partnern, wie Smudo, Silbermond oder Revolverheld. Außerdem kann man ihre Mitarbeiter bei vielen Festivals antreffen.

Ihr unterstützt auch ihre #unfollowme Kampagne. Wie wichtig ist es euch, euch klar gegen Menschen mit rechtem Gedankengut zu positionieren?

Malte: Für uns war das in der Vergangenheit immer selbstverständlich. Gefühlt ist es in den letzten Jahren aber noch wichtiger geworden, klar und deutlich eine scheinbar Selbstverständlichkeit deutlich zu benennen. Die Kampagne bezog sich ja vor allem auf Follower in Social Media. Genauso wichtig, dort klar Stellung zu beziehen, ist es uns das bei jedem unserer Konzerte zu tun. Die Kooperation mit „Laut gegen Nazis“ hilft uns, Menschen über rechtes oder völkisches Gedankengut aufzuklären und mit ihnen über diese Thematiken ins Gespräch zu kommen.

Ihr seid Teil der 43. Förderrunde der Initiative Musik der Bundesregierung. Die Initiative richtet sich an in Deutschland lebende Bands, insbesondere an Newcomer, und soll sie beim Karriereaufbau unterstützen. Was bedeutet es euch, ein Teil dieser Community zu sein?

Malte: Zuallererst haben wir im Team alle gehörig miteinander abgeklatscht, mit Schwielen an den Fingern. In den Antrag sind von uns eine Menge Schweiß und Mühe geflossen. In diesen Kreis aufgenommen zu werden, war ein gutes Gefühl für unseren Haufen von Autodidakten. Wir haben uns natürlich die Bands und Künstler*innen der vergangenen Förderrunden angesehen. Da wurden schon früh Menschen gefördert, die wir schon immer gefeiert haben und jetzt große Namen geworden sind. Für uns ist das in erster Linie eine Ehre und Wertschätzung der Arbeit der letzten Jahre.

Sind eure Fördermittel hauptsächlich ins kommende Album geflossen?

Malte: Der Großteil fließt natürlich in die neue Platte. Das sind aber nicht nur Gelder für die Produktion, sondern auch für alles weitere Drumherum, wie Video und Artwork. Außerdem ist unsere kommende „Raus und Weiter“ Tour im Frühjahr auch in der Förderung mitinbegriffen.


Man könnte sagen wir waren noch nie so sehr Hi!Spencer, wie mit diesem Album..Sven


Die Initiative Musik möchte außerdem die Verbreitung von deutscher Musik im Ausland unterstützen. Was brauchen deutsche Bands eurer Meinung nach, um auch im Ausland Erfolge zu feiern?

Malte: Englische Texte machen es leichter, würde ich vermuten. Und dann kommen Rammstein um die Ecke und wiederlegen alle Argumente. Ich denke, das wichtigste ist es, seinen eigenen Stil zu finden, und in welcher Form auch immer, innovativ und belangvoll zu sein. Bands wie Razz oder Giant Rooks zeigen das eindrucksvoll. Und dann brauchst du, wie bei allem in diesem Musik-Ding, eben das passende Quäntchen Glück und den richtigen Moment.

Am 15. Februar erscheint euer neues Album Nicht raus, aber weiter. Als erste Single habt ihr „Wo immer du bist“, einen melancholischen Indie-Track, der sofort ins Ohr geht, gewählt. Wieso habt ihr euch diesen Song als erste Veröffentlichung ausgesucht?

Sven: Wir haben, seit dem ersten Album 2015 so eine kleine Reise hinter uns. Wir haben uns seit dem Album, das ganz sicher sehr cool ist, aber auch zweieinhalb Jahre nach Bandgründung noch recht unkoordiniert wirkte, ständig hinterfragt, genau erforscht wo wir musikalisch hin wollen, an unserem Sound gefeilt und Texte versiert, die einfach etwas mehr Tiefe haben. Die EP In den Wolken war hin zu dem jetzt kommenden Album Nicht raus, aber weiter sicher ein Meilenstein, so eine Art Halbzeit. Mit der Veröffentlichung von “Richtung Norden” und “Klippen” im letzten Jahr haben wir dann ziemlich genau die finale Phase zum Album eingeläutet und dann ist uns bei der Auswahl der ersten Single klar gewesen, dass „Wo immer du bist“ sich einfach am besten eignet, um der Welt zu zeigen: „Hallo, hier sind wir wieder, das machen wir jetzt und es fühlt sich verdammt gut an!“

Was können die Fans vom neuen Album erwarten?

Sven: Wie in der vorherigen Frage schon durchschimmert, haben wir fünf uns für dieses Album echt verdammt viele Gedanken gemacht. Die LP hat einen roten Faden, die Songs stehen für sich selbst, bauen aber auch aufeinander auf, es gibt immer wieder musikalische Überraschungen, Ohrwürmer und textlich gesehen so deutliche Worte, wie selten zuvor bei uns. Man könnte sagen wir waren noch nie so sehr Hi!Spencer, wie mit diesem Album.

Außerdem geht ihr auf wieder auf Tour. Was ist für euch das Beste am Touren?

Malte: Unterwegs zu sein, Städte zu sehen, in denen man nie vorher war. Menschen zu sehen, die man nie vorher sah. Es gibt einen Zettel, der sagt dir, wann du losfahren, Essen, spielen und schlafen solltest. Du darfst 24 Stunden lang Zeit mit deinen Freund*Innen verbringen. Und dann gibt es noch diesen Moment, in dem du realisierst: Menschen gehen aus dem Haus, um zu sehen, was du liebst.

Hi! Spencer LIVE 2019
10.04.19  DE – Hannover – Lux | 11.04.19  DE – Berlin – Musik & Frieden | 12.04.19  DE – Hamburg – Molotow | 13.04.19  DE – Bremen – Kulturzentrum Lagerhaus | 03.05.19  DE – Meppen – JAM | 09.05.19  DE – Wilhelmshaven – Pumpwerk | 16.05.19  DE – Köln – Artheater | 17.05.19  DE – Essen – Weststadthalle | 23.05.19  DE – Kassel – Schlachthof | 24.05.19  DE – Dresden – Groovestation

Bei eurem Jahresabschlusskonzert in Osnabrück letztes Jahr, habt ihr erstmalig eine Akustikversion von eurem Song „Sie tanzt“ gespielt. Könntet ihr euch vorstellen, in Zukunft mal ein ganzes Akustikalbum aufzunehmen?

Sven: Die Akustikversion von Sie tanzt war zwar in jedem Fall eine einmalige Sache, die uns schon lang unter den Nägeln brannte, aber ganz sicher könnte es irgendwann mal zu umfangreicherer akustischer Arbeit kommen. Aber gerade haben wir alle einen sehr vollen Kalender, in dem ganz oft das Kürzel „HS“ steht. Eins nach dem anderen. Nicht raus, aber weiter zu machen war wirklich sehr viel Arbeit, das Album bekommt nun unsere volle Aufmerksamkeit, das haben wir uns verdient, das hat diese wunderschöne Platte verdient und das haben vor allem auch die Leute verdient, die sich seit Monaten auf Nicht raus, aber weiter freuen. Und das sind nicht nur wir fünf Jungs aus Osnabrück. 

Das Album erscheint am 15. Februar 2019 und ist jetzt überall im Handel vorbestellbar.

Exklusive CD- und Vinyl-Bundles mit Schnürsenkeln, Patch und Shirt auf: www.uncle-m.com/shop

Hi! Spencer sind
Sven Bensmann – Gesang
Malte Thiede – Gitarre, Gesang
Janis Petersmann – Gitarre, Gesang
Jan Niermann – Bass, Tasten, Gesang
Niklas Unnerstall – Drums

www.facebook.com/hispencerhi

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www.hispencer.de

www.youtube.de/hispencerband

GENRE IS DEAD! bietet neuen, unbekannten Bands eine Plattform. Unser “Sound of the Underground” stellt regelmäßig Newcomer vor.

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