GENRE IS DEAD! Interview mit Adam Angst über Neintology und das Tourleben

Wer im Sommer auf Festivals unterwegs ist, wird an einer Band nicht vorbeikommen: Adam Angst. Nach ihrer ausgiebigen Tour für ihr aktuelles Album Neintology im Winter, wird die Band aus Köln in den Sommermonaten u.a. bei Rock am Ring und dem Vainstream Festival spielen. Doch bevor es wieder zurück auf die Bühne geht, hat Adam Angst Sänger Felix für GID ein paar Fragen beantwortet. Ein Interview über die Hintergründe des aktuellen Albums, einem kritischen Umgang mit Social Media, seinem Tatortdebüt vor ein paar Wochen und dem Moment, als ein die ärzte Mitglied plötzlich bei ihrem Konzert im Publikum stand.

Mit Neintology habt ihr letztes Jahr euer zweites Album veröffentlicht. Jetzt seid ihr wieder auf Tour. Wie fühlen sich die neuen Songs live an?

Erfrischend, aber auch herausfordernd! Die neuen Songs haben deutlich komplexere Parts und Riffs. Wir müssen uns deshalb während der Show viel mehr konzentrieren und sauberer spielen. Damit habe ich jetzt nur den Sollzustand beschrieben. In der Realität rennen wir natürlich trotzdem permanent von einer Bühnenseite zur anderen und schleudern die Gitarren durch die Gegend.

Hat sich auf Tour schon etwas verändert, jetzt wo ihr einen etwas größeren Songpool habt, aus dem ihr auswählen könnt?

Auf jeden Fall. Unsere Shows sind nicht mehr nach einer knappen Stunde zu Ende. Außerdem haben wir jetzt den Luxus, ein Programm dynamischer zu gestalten oder uns an einem bestimmten Publikum zu orientieren. Auf einem Hardcore-Festival kommt eine Ballade z.B. nicht so geil, da ist es natürlich schöner, eine Wahl zu haben. Früher war es auch etwas unangenehm, wenn die Leute eine Zugabe wollten, wir aber gar keine Songs mehr hatten. Wir mussten dann immer so tun, als hätten wir Zurufe wie „Spielt doch Professoren nochmal!“ überhört. Heute ist es eher so, dass das Publikum uns fragt, wie lange das Konzert noch geht.

Ihr habt auf dem Album auch erstmals eine Ballade aufgenommen. Wie kommt das doch etwas ruhigere „Damit ich schlafen kann“ live bei den Fans an?

Das ist einer der wenigen Songs, die wir bis jetzt nie live gespielt haben. Das hat nichts damit zu tun, dass wir ihn nicht mögen würden, im Gegenteil! Aber manche Songs müssen live auch richtig in Szene gesetzt werden und einen passenden Rahmen bekommen. Den einfach nur so runter zu spielen, hat er nicht verdient. Allein diese tragende Klaviermelodie sollte nicht vom Band kommen. Dafür hätten wir aber extra ein Piano mit in die Tourplanung aufnehmen müssen, dafür fehlte uns aber bisher die Zeit. Und eine „Unplugged“-Version mit Akustikgitarren und Cajon wäre nun wirklich albern gewesen. Mal schauen. Manche Songs funktionieren live auch einfach nicht so gut wie auf Platte. Ich schreibe sowas aber trotzdem gerne.

Grundsätzlich sind auf „Neintology“ viele verschiedene Musikeinflüsse rauszuhören. Liegt das auch an dem etwas anderen Arbeitsprozess für das zweite Album, da ihr nun deutlich mehr als Band zusammengearbeitet habt? Bringt da jeder auch ein paar andere Einflüsse mit in die Songs?

Es war natürlich ein Ziel, mit diesem Album offener im Songwriting zu werden und mehr Einflüsse zuzulassen. Ich habe zwar immer noch einen großen Anteil beigesteuert, am Ende haben aber alle ihre Ideen und auch ihren Stil mit einfließen lassen und die Songs dadurch teilweise sogar grundlegend verändert. Das Wichtigste war jedoch, ein Album zu machen, an dem wir „gesunden“ und zusammenwachsen können. Wir haben uns schnell davon verabschiedet, DEN „Knaller-Nachfolger“ zu schreiben. Dafür hätten wir alle Demos schon vor 2 Jahren in den Müll schmeißen und das Buch „Wie schreibe ich 11 Singles?“ studieren müssen. Das haben wir aber nicht gemacht. Wir haben viel mehr darauf geachtet, Geschichten zu erzählen und in jeder Hinsicht zufrieden mit uns als Band zu sein.  

Als ich euren Song „Punk“ zum ersten Mal gehört habe, habe ich vor meinem inneren Auge zwischendurch Farin Urlaub mit seiner Gitarre gesehen. Für mich erinnert der Song etwas an Die Ärzte, was natürlich auch an der Selbstironie des Textes liegen kann. Ist die Ähnlichkeit gewollt? Oder einfach Zufall?

Der Vergleich kam schon öfter, ist für uns aber ein Kompliment! Allein mein Songwriting ist maßgeblich von Die Ärzte beeinflusst, das lässt sich kaum abstreiten.  „Punk“ war allerdings nie als Hommage an die Band gedacht, sondern basierte ausschließlich auf meinen ehrlichen Gefühlen und unseren Erlebnissen. Ein Funfact, der uns übrigens besonders gefreut hat: Ein Mitglied der besten Band der Welt war neulich auf einem unserer Konzerte und teilte uns später mit, dass insbesondere der Song „Punk“ ein Solidaritätsgefühl auslöste. Der Herr stand übrigens nicht auf der Gästeliste, sondern hat sich eine Karte gekauft. Doppelt sympathisch. 

In „Kriegsgebiet“ kritisiert ihr das ständige Nörgeln an allem und jedem im Alltag. Gibt es heutzutage zu viele Menschen, die an alles und jedem etwas auszusetzen haben und sich ständig beschweren?

Ob wir in diesem Song wirklich das Nörgeln kritisieren, bleibt den Hörern selbst überlassen. Mich persönlich nervt es aber manchmal schon, dass alles sofort nieder geredet wird, ohne konstruktive Gegenvorschläge zu bringen. Da gibt es viele Beispiele wie das Gespött, das Campino nach seiner Rede beim Echo ertragen musste. Dass die Rap-Fans danach gegen ihn geschossen haben, war ja zu erwarten. Doch dass dann ein paar Menschen, die eigentlich auf der selben Seite stehen, ihre Reichweite lieber dafür genutzt haben, seinen Auftritt mit Zynismus ins Lächerliche zu ziehen, fand ich unerträglich. Das ist aber auch so ein Internet-Problem. Was ich damit sagen will: Ich wünsche mir einfach mehr Solidarität gegenüber einer guten Intention. Manches Gesagte ist doch im Kern richtig. Da muss nicht immer gleich jedes Wort zerpflückt und nach möglichen Gegenargumenten durchleuchtet werden, nur um letztlich allen zu zeigen, wie spitzfindig man das alles durchschaut hat.

Seid auch ihr manchmal Nörgler?

Klar! Aber wir versuchen nicht, daraus eine Agenda zu machen. Eine gesunde Protestkultur ist wichtig, aber wenn ich mich über jeden einzelnen Menschen aufrege, der sich in einer Schlange vordrängelt, werde ich ja krank. Sowas lohnt sich nicht.

Ihr ward schon mit Bands wie den Toten Hosen und den Beatsteaks unterwegs. Was nehmt ihr davon mit? Guckt man sich die eine oder andere Sache auch ab?

Nö, eigentlich nicht. Und wenn doch, dann eher unbewusst. Auf der Bühne bewegen wir uns frei, so wie wir halt sind. In puncto Audio- oder Lichttechnik gibt es dagegen bestimmt einige Dinge, die die „großen“ Bands besser machen. Aber das sind ja keine Betriebsgeheimnisse. Das ist dann eher eine finanzielle Frage.

Auf eurem Album kritisiert ihr durchaus auch Social Media. Auch, wenn es für viele Bands in der heutigen Zeit sicherlich eine gute Möglichkeit sein kann, sich zu vernetzen und zu promoten, kann Social Media auch Fluch statt Segen sein?

Ganz sicher, ja. Aber das ist ja nichts Neues. Wir müssen den Umgang eben erlernen und uns stetig weiterentwickeln. Wenn jeder Mensch Informationen verbreiten kann, ist das logischerweise Fluch und Segen zugleich und birgt Probleme, die es zu lösen gilt. Ich bin da eher interessierter Beobachter: Welche Rolle wird das Internet in 100 Jahren spielen? Sofern wir unseren Planeten nicht selbst zerstören, bestimmt eine große, klar. Doch wird es irgendwann Menschen geben, die vielleicht nur noch einmal im Halbjahr die Wohnung verlassen, weil sie es eben nicht mehr müssen? Können wir irgendwann sämtliche Sinnesorgane digital simulieren, so dass wir uns nur eine Brille aufsetzen, auf „Google Streetview“ klicken und „wirklich da“ sind? Ich stehe diesen Entwicklungen neutral gegenüber, bin aber weiterhin eher Fan davon, Menschen wirklich zu treffen und mich nicht zu sehr damit zu beschäftigen, was sie posten.

In einem Interview habt ihr mal gesagt, dass ihr froh seid, dass die Musik euer Hobby ist und ihr nicht für Klicks Musik schreiben müsst. Ist die Musiklandschaft inzwischen zu abhängig von sowas? Sind Klicks die neuen Verkaufszahlen, die alles bestimmen?

Physische Tonträger wird es auch noch in 20 Jahren geben, aber die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Früher hat eine Plattenfirma viel mehr Geld für Radio, Plakatierung oder TV-Werbung ausgegeben, heute zahlen sie halt an anderer Stelle, um mehr Reichweite im Internet zu bekommen. Das Prinzip hat sich also eher etwas verschoben, nur mit dem Unterschied, dass die Musikindustrie diese logische Entwicklung gnadenlos verpennt hat und nun viel weniger verdient als früher. Ich bin gespannt, wann die Plattenfirmen und Vertriebe von Google oder Apple aufgekauft werden, weil sie als Zwischenhändler unbrauchbar werden. Für uns ist das alles aber kein Grund, zu heulen. Wenn du unsere Klickzahlen mal mit denen von aktuellen Pop- oder Rap-Phänomenen vergleichst, disqualifiziert uns das zwar für die neue Welt komplett, doch wir stehen unter keinem Druck. Wenn unsere Platten nicht mehr gekauft oder geklickt werden, ist das halt so. Um deine Frage aber nochmal klar zu beantworten, ob Klicks die neuen Verkaufszahlen sind: Jein.

Wenn wir schon bei der heutigen Musiklandschaft sind…ist die momentane Musik zu unpolitisch? Ich habe das Gefühl, wenn jemand mal wirklich politisch Stellung bezieht in seiner Musik, ist das nicht in der typischen Mainstreammusik, sondern eher bei Bands wie euch, den Donots oder Feine Sahne Fischfilet. Ein Ed Sheeran wird vermutlich nie einen politischen Song schreiben, selbst wenn er wollen würde….

Ich würde niemals Jemandem vorschreiben, wie Musik zu sein hat und welches Mindestmaß an politischer Meinung enthalten sein muss. Auch ich mag ja Popsongs, die nicht im Entferntesten was mit Politik zu tun haben. Wenn Menschen gerade eine Trennung hinter sich haben oder sich gut fühlen, weil Sie gerade in einem Cabrio die Küste Teneriffas entlang fahren, muss es auch okay sein, dieses Gefühl in einem Song zum Ausdruck zu bringen. Wie ehrlich das dann alles gemeint ist oder ob sich wieder nur ein paar Auftrags-Songschreiber aus einem Baukasten bedient haben, ist ein anderes Thema. Doch hart gesagt: Musik mit politischem Inhalt hat auch immer was Belehrendes und wer lässt sich schon gern belehren? Die wenigsten Menschen sind dafür gemacht, sich permanent über Missstände Gedanken zu machen. Die wollen beim Autofahren halt eher „Simon & Garfunkel“ oder eben Ed Sheeran hören, weil sie so besser abschalten können. Dass unsere Musik es im Mainstream schwer hat, wundert mich also nicht. Trotz aller Toleranz kritisiere ich aber schon die Vertriebs-Maschinerie, die für diese „Heavy Rotation-Listen“ im Radio verantwortlich ist. Diese Dauerbeschallung auf allen Sendern grenzt an Terror, da sollten die Redaktionen endlich mehr Verantwortung übernehmen. Das Problem ist dabei ja auch: Wenn du als Radio 30x am Tag immer wieder dasselbe Lied spielst, fühlen sich Musikautoren wiederum dazu berufen, nochmal so einen Hit zu landen. Und schon bist du in einer Einheitsbrei-Spirale, die ja schon mal Jan Böhmermann ganz gut parodiert hat.    

Eine ganz andere Frage: wie war eigentlich dein Tatort-Dreh? Und wie kam es dazu, dass du im Tatort “Murot und das Murmeltier” mitgewirkt hast?

Dietrich Brüggemann, der Regisseur von unserem Musikvideo zu „Splitter von Granaten“, hat mich vor über 2 Jahren gefragt, ob ich mal in einem Tatort mitspielen wolle. Ich habe prompt zugesagt, ohne zu wissen, was da auf mich zukommt. Bis heute weiß ich auch nicht, was ich davon halten soll, dass er die Rolle des SEK-Beamten ausgerechnet mit mir besetzen wollte. Ich bemühe mich, das irgendwie als Kompliment zu sehen. Aber Dietrich geht gerne mal ungewöhnliche Wege. Das macht seine Filme auch so einzigartig. Der Dreh selbst war echt anstrengend, aber für mich als Amateur auch total spannend. Damit beginnt aber keine zweite Karriere als Schauspieler, das Ganze war auch mehr als überraschendes Gimmick gedacht.  

Zu guter Letzt, da ihr ja regelmäßig den Sommer auf Festivalbühnen verbringt: Wenn ihr euer eigenes Festival hättet, wie würde euer Wunsch Line-Up aussehen?

Wahrscheinlich so ähnlich wie das Line-Up vom Hurricane Festival 2005. Ist nur aktuell etwas schwierig, Oasis zu bekommen.

Adam Angst – Live 2019

06.06. Göttingen, Musa Kulturzentrum (Tickets: http://bit.ly/AdamAngstGoettingen)
07.06. Beverungen, Orange Blossom Special Festival
07. – 09.06. Nürburgring, Rock am Ring
07. – 09.06. Nürnberg, Rock im Park
13. – 15.06. Merkers, Rock am Berg Merkers e.V.
13. – 15.06. Rottershausen, und ab geht die Lutzi!!! Festival
29.06. Münster, Vainstream
12. – 13.07. Talge, Talge Open Air
18. – 21.07. Cuxhaven, Deichbrand Festival
27.07. Vechta, Afdreiht un Buten – Festival am Hartensbergsee
28.07. Trebur, Trebur Open Air
07. – 11.08. Eschwege, Open Flair Festival
30. – 31.08. Wolfshagen, Rock am Beckenrand Festival

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